Heu Heinrich stellt sich vor

Erschienen in der TLZ im Ressort Thüringen am 08.10.2010

Der “Heu-Heinrich” vom Rennsteig will bundesweit punkten

Heinrich Meusel hat kreative Kumpels. Während man für Markennamen bei Werbeagenturen einiges auf den Tisch blättern muss, haben sie das im Vorbeigehen ganz umsonst besorgt. Irgendwann schenkten sie dem heute 21-Jährigen ein Autokennzeichen, auf dem statt Landkreis-Kürzel und ein paar Zahlen der Schriftzug “Heu-Heinrich” zu lesen war. Schließlich wussten sie, dass Mahd, Heuwenden und Bergung sein Steckenpferd sind. Inzwischen hat das der junge Mann aus Friedrichshöhe (Kreis Hildburghausen) zu seinem Standbein gemacht. Die passende Marke dafür war schließlich schon geboren. Meusel hat sie sich mittlerweile sogar schützen lassen, ist heute deutschlandweit damit unterwegs und bringt Bio-Kräuter-Heu unter die Leute.

Schon mit 18 hatte der junge Mann vom Rennsteig seine eigene Firma als Landwirt gegründet. Einst mit 15 Hektar Bergwiesen gestartet, bewirtschaftet er heute über 35 Hektar. Die Landschaftspflege wird honoriert, Pferdeliebhaber der Region und Kleintierhalter kauften Rundballen und auch kleinere Mengen. “Doch vom Absatz her war das nicht das, was ich mir vorgestellt hatte”, sagt er.

Marktlücke gefunden: Bio-Heu aus Thüringen

Also suchte er Nischen. Da kam die Studie, die der gelernte Landwirt im Rahmen seines
Betriebswirtschafts-Studiums in Erfurt anfertigte, gerade recht. Dabei ging es um eine Marketinganalyse, die sich mit Preisen und Bedarf für Bio-Heu sowie Vermarktungsstrategien befasste. Meusel fand heraus, dass es deutschlandweit gerademal drei Bio-Heuanbieter im Kleintierbereich gab. Und er wollte der vierte und der erste in Thüringen werden, der Herrchen und Frauchen von Hoppel, Felix & Co. erobert. Für die Lieblinge zu Hause schien Bio schließlich gerade gut genug. Meusel hat die wertvollen getrockneten Kräuter und Gräser aus dem Thüringer Wald auch seinen Mitstudenten für deren Vierbeiner zum Test gegeben. “Schönen Dank auch, jetzt fressen sie das andere Heu nicht mehr”, bekam Meusel mit ironischem Unterton erste “Kundenreaktionen” auf den Tisch und wusste, dass er ohne Lockstoffe überzeugt hatte.

Die Bewirtschaftung der Bergwiesen, die ohnehin bereits extensiv war, wurde auf biologische Basis
eingestellt. Dünger ist tabu auf den Flächen und ran darf die neue Hang-Mähtechnik ohnehin erst nach der Blüte, damit der bunte Teppich auch im nächsten Jahr immer wieder artenreich daherkommt. Um das Heu im richtigen Format an den Mann oder die Frau zu bringen, brauchte der Jungunternehmer nun jedoch noch eine Spezialverpackungsmaschine, die in Osnabrück eigens für das Ein-Mann-Unternehmen angefertigt wurde. Die nagelneue Packanlage, für die Meusel im Rahmen eines Naturschutz-Modellprojektes Förderung bekam, steht heute am Firmensitz in Scheibe-Alsbach (Kreis Sonneberg).

Der Duft der Bergkräuter

Das feine Heu locker in die Verpackung zu bekommen, war dabei eine große Hürde. “Ist es zu fest,
brechen sich die Frauen die Nägel ab, wenn sie es aus der Verpackung rauspulen müssen”, hatte Meusel bei seinen Recherchen ermittelt. Allein viermal war der Jungunternehmer wegen den richtigen Tüten in Köln. Diese haben nun Löcher, damit das Heu nicht stockt. Außerdem soll beim Gang durch die Kaufhalle der verführerische Duft der Bergkräuter den Kunden allerorts in die Nase steigen. Bis dahin allerdings ist es noch ein weiter Weg. Erst einmal hieß es, in Zoo-Handlungen und Bio-Läden Klinken zu putzen. Mit “Hallo, ich bin der Heu-Heinrich” hatte Meusel nicht überall gleich den durchschlagenden Erfolg. Oft wurde er von oben bis unten gemustert und gefragt: Sind sie wirklich der Chef der Firma oder nur ein Vertreter? Und dann hat der Südthüringer erzählt: von den wertvollen Bergwiesen im Thüringer Wald und seinem Kammweg. Von 60 Prozent Bärwurz, Arnika, Johanniskraut, Schafgarbe oder Gänsefingerkraut, die sich in dem Bio-Kräuter-Heu fürs Haustier befinden, und Gutes bringen sollen. Von der faser- und ballaststoffreichen Zusammensetzung, der schonenden Trocknung durch Bergluft und Sonne, von der Landschaftspflege und regionalen Kreisläufen.

Dabei war er wohl auch ein bisschen Botschafter für das Rennsteigland. “30 Kilometer von Coburg
entfernt fragte mich ein Händler, wo der Thüringer Wald liegt”, sagt Meusel. “Ich habe es ihm dann erklärt.” Im benachbarten Freistaat der Alpen und Bergwiesen war es ohnehin nicht einfach, über die erste Schwelle zu kommen. “Hatte ich das dann aber erst mal geschafft, gab es meist gute Gespräche”. Und wenn der junge Firmenchef dann abends wieder zu Hause am Rennsteig ankam und die ersten Bestellscheine durchs Fax liefen, dann wusste er: Es muss funktionieren.
“Doch es waren und sind noch nicht die großen Mengen, weit kommt man damit nicht”, sagt Meusel.

Mitarbeiter und ein erster Deal

Der erste große Wurf gelang ihm in diesem Sommer mit einer großen Handelskette, die für 28 Filialen Bio-Bergwiesen-Heu im Ein-Kilo-Paket orderte. Doch an die Kapazitätsgrenze kam der junge Betrieb deshalb noch lange nicht. “Damit sind erst einmal zehn Prozent der Mengen gebunden. Ich muss also weiter ackern.” Und so fuhr er erstmals auch auf Messen.

Inzwischen hat Meusel bereits die Zahl der Arbeitskräfte verdoppelt, wenn man es mal rechnerisch sieht. Ein fest angestellter Mitarbeiter macht mit bei der Landschaftspflege und der Abpackung des Bio-Heus für die Kleintiere, zumal der Chef an zwei Tagen der Woche vier Jahre lang die Schulbank in der Landeshauptstadt drückt, um Betriebswirt mit Spezialisierung Hotelmanagement/Marketing zu werden. Dabei hat er schon zwei Berufe in der Tasche.

Mit 16 war Heu-Heinrich nämlich losgezogen, um auf der Landwirtschaftsschule Tamsweg im
österreichischen Lungau den Abschluss als Landwirt und gleichzeitig den Forstfacharbeiter zu machen. 2008 kam er zurück an den Rennsteig. Er war damit der erste Lehrling aus Deutschland, der an der dortigen Schule in der Alpenrepublik seinen Abschluss machte. Das prägte.

Heu Heinrich gehen die Ideen so schnell nicht aus

Heinrich Meusel hat viele Pläne. Derzeit laufen Gespräche mit anderen Landwirtschaftsunternehmen der Region, die er mit ins Boot holen will, obwohl er selbst noch genügend Luft hat, um Bio-Heu an den Mann zu bringen. 2010 will er 30 Tonnen absetzen, 2011 möglichst das Doppelte. Er ist optimistisch. “Über eine Erzeugergemeinschaft im Südthüringer Raum könnten wir alles unter der Heu-Heinrich-Marke und dem Gerüst, das ich bisher aufgebaut habe, verkaufen”, so der 21jährige.

Wertschöpfung in Region Mit Landwirt Gerhard Schmidt aus Langenbach und Schäfermeister Martin Gessner aus Bedheim, die vom Alter her dicke Meusels Väter sein könnten, hat er erfahrene Bauern an seiner Seite. “Von denen man viel lernen kann.” Die Abpackmaschine wäre zudem durch solch eine Erzeugergemeinschaft besser ausgelastet als bislang, sagt er. Wertschöpfung in der Region heißt dabei das Schlagwort: Die wertvollen Bergwiesen zu pflegen, daraus noch ein Einkommen und Planungssicherheit für die Bauern zu realisieren, ist das große Anliegen. Der Junior hat die Philosophie wahrscheinlich schon mit der Muttermilch aufgesogen. Vater Florian Meusel “predigt” das bereits seit zwanzig Jahren – als Verantwortlicher im Naturpark und auch im Landschaftspflegeverband Thüringer Wald. Er mag manche Tür geöffnet haben, Klinkenputzen aber musste der Filius selbst.

Und wenn die Vermarktung des Bio-Heus für die Kleintiere funktioniert, will Firmenchef Meusel weiter gehen. “Man könnte das Heu mit seinen vielen gesundheitsfördernden ’Zutaten’ auch in Kissen packen oder als Badezusatz vermarkten”, schwärmt er. Und schließlich hat er neben Heu auch noch andere typische Produkte aus der Berg-Region auf der Pfanne. Wie Obstler gemacht wird oder die Käserei funktioniert, auch das hat er in Österreich mit auf den Weg bekommen. Irgendwann will auch “Heu-Heinrich” Ziegen, die Milch geben, am Rennsteig halten. “Verzetteln aber darf ich mich jetzt nicht.
Eins nach dem anderen”, sagt er.

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